Im linken Ghetto

Letzten Samstag habe ich im Zürcher Volkshaus „Das Andere Davos 2017“ besucht. Die Reihe versteht sich als Gegenveranstaltung zum Weltwirtschaftsforum (WEF), welches ab morgen in Davos stattfinden wird.

Ich bin sehr aufgeschlossen gegenüber einer kritischen Perspektive auf unsere derzeitige Wirtschaftsweise und Politik, und beschäftige mich selbst intensiv mich Fragen aus diesem Themenkreis. Welche Auswirkungen haben die aktuellen Strukturen auf die Stabilität der globalen Ökosysteme und das Wohlergehen der Individuuen? Welche Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums ist gerecht und wünschenswert?(1)

Jedoch war ich bisher nicht in einer politischen Vereinigung aktiv und habe mich auch andersweitig noch nicht mit Gleichgesinnten vernetzt. Ich war also gespannt, was mich im Volkshaus erwarten würde.

Der Tonfall auf der Webseite der „Bewegung für Sozialismus“ hatte mich darauf vorbereitet, dass man den marxistischen Jargon aus der Mottenkiste holen würde. Und so war es auch: „Herrschende Klasse“ hier und „Revolution“ da. Ich konnte mir ein leichtes Augenrollen nicht verkneifen.

Auch optisch entstand der Eindruck, dass ich mich in einem recht homogenen Milieu befand. Die Haar- und Kleidermode des „links-autonomen Lagers“(2) waren gut vertreten, der Habitus des Altrevoluzzers ebenfalls.

Nach ein paar einleitenden Worten im Plenum begab man sich in Workshops zu verschiedenen Themen. Die Präsentation von vier Studierenden über die Sparpolitik des Kantons Zürich im Bildungsbereich, welche ich besuchte, war durchaus interessant und in der konkreten Realität verankert.

Die anschliessende Diskussion in der kleinen Gruppe, wie man der Erhöhung von Studiengebühren oder der Streichung von Ausbildungsangeboten entgegentreten könnte, hinterliess aber bei mir den Nachgeschmack der allgemeinen Ratlosigkeit. Zwar hatte man diese oder jene Entwicklung zeitweilig aufhalten können, aber die Aktivisten betonten, wie schwach politisiert die heutigen Studenten seien und wie schwierig es sei, eine Bewegung aufrechtzuerhalten, die nicht früher oder später wieder versandet.

Nach einem eineinhalbstündigen Vortrag über die Situation im Syrischen Bürgerkrieg hatte ich jedenfalls kein Sitzfleisch mehr und beschloss, dass die Revolution für mich an diesem Tag beendet war.

Ich möchte es nochmals betonen: Meine Sympathien liegen auf der Seite der Kapitalismuskritiker. Ich halte ein grundlegendes Hinterfragen und Nachdenken über unser System für immens wichtig. Meine tägliche Lektüre beinhaltet Bücher mit Titeln wie „Das Ende der Megamaschine“ oder „Postcapitalism“. Aber trotzdem überkommt mich ein grausiges Fremdschämen, wenn man mit verknöcherten Schlagworten hantiert und sich in die Pose des Revolutionärs wirft.

Die ganze Veranstaltung im Volkshaus machte mir den Eindruck, das zu zelebrieren, was Englischsprechende „preaching to the choir“ nennen, also ein Missionieren unter bereits Bekehrten. Ich befürchte, dass ein solches Abkapseln in der eigenen ideologischen Subkultur und ein manchmal sektenhaftes Beharren auf der Reinheit der Lehre dazu führen, dass die progressiven Inhalte keine Breitenwirkung finden.

Dabei sind doch die angesprochenen Probleme nicht bloss einem verschworenen Kreis von Eingeweihten bekannt. Selbst den Vertretern des globalisierten Kapitalismus scheint langsam zu dämmern, dass es so irgendwie nicht weitergehen kann, auch wenn sie hauptsächlich wohl um ihre eigene Sicherheit besorgt sind.(3)

Wir brauchen eine breit in der Bevölkerung abgestützte Bewegung, die solche Themen anspricht. Dazu ist es aber notwendig, dass die Diskussion über mögliche Alternativen nicht in ein randständiges Milieu abgedrängt wird, sondern in der Mitte der Gesellschaft stattfindet.

Hier wirkt ein seltsamer Mechanismus der Selbstzensur, den ich dieses Wochenende an mir selbst wahrgenommen habe. Ich verspürte den Drang, meine eigene Teilnahme am „Anderen Davos“ zu ironisieren und mich von der Rhetorik der Vortragenden zu distanzieren. Wer möchte schon als naiver Utopist und Luftschlossarchitekt abgestempelt werden?

Das ist nicht gesund. Ich sollte meine Ansichten nicht von vornherein abwürgen, bloss weil ich Angst habe, mich damit lächerlich zu machen. Falls mein Weltbild nicht fundiert ist, sollen meine Meinungen den ehrenhaften Tod in einer offenen Diskussion finden.

Ein letzter Gedanke begleitet mich seit Samstag noch: Ich glaube, dass es wesentlich ist, nicht in der Ablehnung zu verharren. Widerstand gegen ungute bestehende Verhältnisse ist wichtig, aber es ist dringend nötig, dem auch eine positive Vision entgegenzusetzen, wie wir es besser machen könnten.

Bis zum nächsten Mal!

(1) Zu diesem Thema sei beispielhaft der folgende Artikel erwähnt: Diese 8 Männer sind reicher als 3,6 Milliarden Menschen auf der Welt (Manager-Magazin)

(2) Eine übliche Wendung in der Berichterstattung über Anti-WEF-Proteste, z.B. hier: Anti-WEF-Demonstranten ziehen durch Bern (Tages-Anzeiger)

(3) Siehe z.B. den Artikel Die vier Krankheiten des Kapitalismus (Spiegel Online)

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