Was vor uns liegt (1/2)

Ich habe zuletzt geschrieben, dass es wichtig ist, eine positive Vision zu haben. Aber es ist auch wichtig, Probleme klar zu benennen. Lasst mich also kurz den schwarzen Pinsel hervornehmen. Ich möchte im Folgenden einige Themen auflisten, die meiner Ansicht nach zu den grössten Herausforderungen unserer Zeit gehören.

Grob gesagt: Einerseits zeichnet sich eine globale ökologische Krise ab, die sich (wenn wir nicht handeln) im Laufe dieses Jahrhunderts so weit zuspitzen könnte, dass unsere physischen Lebensgrundlagen bedroht sind. Andererseits haben unsere bestehenden ökonomischen Strukturen eine verhängnisvolle Eigendynamik entwickelt, in der die Interessen von Firmen, Staaten und anderen fiktiven Gebilden über die Bedürfnisse von realen Menschen gestellt werden.

Der Zustand der Ökosysteme und unsere Wirtschaftstätigkeit sind untrennbar miteinander verwoben. Es scheint mir immer klarer, dass ein entschlossenes und über beide Bereiche koordiniertes Handeln notwendig ist, wenn wir eine stabilere und gerechtere Welt anstreben.

Ich kann nicht behaupten, dass ich in irgendeinem der unten erwähnten Gebiete ein Experte bin. Diese Liste ist das vorläufige Ergebnis meiner eigenen Recherchen und Überlegungen, sowie einer Konsultation von hoffentlich vertrauenswürdigen Quellen (siehe Fussnoten). Mir ist jede Aufklärung darüber, wo ich falsch liege, sehr willkommen.

Klimawandel

Der wissenschaftliche Konsens ist klar: Seit Beginn der Industriellen Revolution ist die globale Durchschnittstemperatur um ca. 1° Celsius angestiegen. Gleichzeitig hat die CO2-Konzentration in der Atmosphäre von ca. 280 ppm (parts per million) auf aktuell 400 ppm zugenommen. Dieser Wert ist der höchste in den letzten 800.000 Jahren.(1)

Mit einer Wahrscheinlichkeit von über 95% können wir davon ausgehen, dass menschliche Aktivitäten der Hauptgrund für diese Veränderungen sind, vor allem die Nutzung fossiler Brennstoffe und grossflächige Entwaldung.(2)

Der beobachtete Trend wird sich in absehbarer Zeit fortsetzen. Die Folgen dieser Entwicklung sind weitreichend und potentiell verheerend: Versauerung der Ozeane, Anstieg des Meeresspiegels, Abschmelzen von Gletschern, Verschiebung von Klimazonen, Zunahme von extremen Wetterereignissen wie Dürren oder Überschwemmungen.(3)

Von diesen Effekten sind sowohl die natürlichen Ökosysteme als auch menschliche Gesellschaften und Individuuen betroffen.

Verlust an Biodiversität

Biodiversität meint nicht bloss die Artenvielfalt, sondern auch die genetische Vielfalt innerhalb einer Population und die Vielfalt von Biotopen in einer Landschaft.(4)

Die aktuellen Schätzungen zur Artenvielfalt auf der Erde bewegen sich in der Grössenordnung von einigen Millionen Spezies (eventuell sogar noch viel mehr), von denen viele noch gar nicht wissenschaftlich beschrieben wurden. Gleichzeitig haben zahlreiche Studien nachgewiesen, dass aktuell bei einer grossen Bandbreite von biologischen Taxonen (systematischen Gruppen) eine stark erhöhte Häufigkeit von Aussterbeereignissen zu beobachten ist. Im Vergleich zum erdgeschichtlichen Durchschnitt geht man von einer 100- bis 1000-fach höheren Aussterberate aus.(5)

Auch hier müssen wir davon ausgehen, dass diese Welle von aussterbenden Arten von Menschen verursacht wird. Hauptgründe sind die Zerstörung natürlicher Lebensräume und ihre Umwandlung in landwirtschaftlich oder industriell genutzte Flächen, die Einführung invasiver Arten, und Umweltverschmutzung, z.B. durch Pestizide oder Dünger. Der menschengemachte Klimawandel und damit zusammenhängende Effekte verstärken zusätzlich den Druck, unter dem zahlreiche Arten und Ökosysteme stehen.(6)

Die Krise ist bereits so gravierend, dass die Journalistin Elizabeth Kolbert in ihrem gleichnamigen Buch von der „Sixth Extinction“ spricht, also dem sechsten grossen Massensterben in der Erdgeschichte. Man führe sich vor Augen, dass das letzte solche Ereignis höchstwahrscheinlich durch die Kollision eines Asteroiden mit der Erde ausgelöst wurde und unter anderem zum Ende der Dinosaurier führte.

Das Aussterben einer biologischen Art ist ein unwiederbringlicher Verlust an in Jahrmillionen entstandener genetischer Information. Es lässt sich mit dem Brand einer Bibliothek vergleichen. Die ökologische Lücke, die eine ausgestorbene Art hinterlässt, kann Kaskaden von weiteren Effekten nach sich ziehen, die ein angegriffenes Ökosystem weiter destabilisieren.(7)

Degradation von Ökosystemen

Die physikalischen und biologischen Systeme der Erde bilden die materielle Basis für unser eigenes Überleben und Wohlergehen. Von der offensichtlichen Bedeutung von Pflanzen und Tieren für unsere Ernährung abgesehen, erfüllen Ökosysteme zahlreiche andere Funktionen, die auch Menschen zugute kommen. Man spricht in der Fachliteratur von „ecosystem services“.(8)

Nur ein paar Beispiele: Bienen und andere Insekten bestäuben Nutzpflanzen, die sonst keine Früchte tragen würden. Mangrovenwälder schützen Küstengebiete vor Erosion und Sturmfluten. Pflanzen und Meeresalgen entziehen durch Photosynthese der Atmosphäre das Treibhausgaus CO2 und geben lebenswichtigen Sauerstoff ab.(9)

Der Versuch, den Nutzen dieser Prozesse auch finanziell einzuschätzen, ist höchst kontrovers. Kann und soll man einem potentiell unersetzlichen Gut überhaupt einen Geldwert zuweisen? Ein Möglichkeit ist es, die Kosten zu betrachten, welche die Ersetzung natürlicher Prozesse durch technische Verfahren verursachen würde, oder den wirtschaftlichen Schaden durch nicht mehr vorhandene Schutzfunktionen. 1997 bezifferte eine wissenschaftliche Studie den Wert von 17 wichtigen Ökosystem-Services auf 33 Billionen US-Dollar weltweit – ein ähnliches Ausmass wie die gesamte Wirtschaftsleistung der Menschheit.(10)

Klar ist, das viele dieser essentiellen Funktionen heutzutage bedroht sind. Ein globales „Bienensterben“ (Colony Collapse Disorder) mit noch unbekannten Ursachen ist seit einigen Jahren ins öffentliche Bewusstsein gerückt.(11) Die Verschmutzung von Wasser, Luft und Boden durch giftige Chemikalien, Schwermetalle oder Plastikabfälle gefährdet die Gesundheit von Menschen und anderen Lebewesen.(12) Weltweit gehen fruchtbare Böden durch Erosion oder Versalzung verloren.(13)

Offensichtlich sind Klimawandel, Artensterben und der Verlust von Ökosystemfunktionen eng miteinander verbunden. Der gemeinsame Nenner bei all diesen Veränderungen ist der stark angewachsene Einfluss des Menschen auf die Natur.

Bevölkerungswachstum

Aktuell leben ungefähr 7.4 Milliarden Menschen auf der Erde. Das sind 1 Milliarde mehr als im Jahr 2004, und doppelt so viele wie 1970.(14) Die Weltbevölkerung ist in der Neuzeit, und vor allem im 20. Jahrhundert, enorm angewachsen. Zwar verlangsamt sich diese Entwicklung seit den später 1960er-Jahren wieder, aber selbst in „niedrigen“ Szenarien werden gegen Mitte des 21. Jahrhunderts voraussichtlich über 9 Milliarden Menschen diesen Planeten bewohnen.(15)

Gemäss der Formel I = PAT (Impact = Population x Affluence x Technology) bemisst sich die menschliche Auswirkung auf die Umwelt als Produkt der Faktoren Bevölkerungsgrösse, Wohlstand und Technologie.(16) Die Zusammenhänge sind sicher komplexer, als es diese einfache Multiplikation suggeriert, aber es lässt sich kaum von der Hand weisen, dass nebst dem Konsumniveau und der technischen Entwicklung auch die blosse Grösse einer Gesellschaft einen entscheidenden Einfluss ausübt.

Mehr Menschen verbrauchen tendenziell auch mehr Energie, Ressourcen und Platz, was wiederum den Stress erhöht, der auf den Ökosystemen lastet. In Anbetracht der oben erwähnten Probleme, deren Hauptursache die immer intensivere wirtschaftliche Tätigkeit der Menschheit ist, betrachte ich das prognostizierte Wachstum der globalen Bevölkerung mit Sorge.(17)

Gleichzeitig ist mir bewusst, dass dies ein besonders heikler Punkt ist. Auf keinen Fall will ich implizieren, dass es „zu viele“ Menschen auf der Welt gebe, insbesondere bestimmter Gruppen oder Hautfarben, die nun irgendwie zu „beseitigen“ seien. Auch wer argumentiert, die arme Bevölkerung der Entwicklungsländer solle einfach gefälligst weniger „schnackseln“, vergisst, dass es die relativ wenigen Menschen in den reichen Industrienationen sind, deren Konsum die weitaus grössten schädlichen Auswirkungen hat.

Die eigentliche Krux ist diese: Bereits jetzt, wo nur eine Minderheit der Weltbevölkerung den Wohlstand geniesst, den wir in der Schweiz als selbstverständlich erachten, geraten die globalen Ökosysteme an die Grenzen ihrer Tragfähigkeit. Falls wir dieses Konsumverhalten (unter dem Banner der „Entwicklungshilfe“) auf den Rest der Welt übertragen, wird dies ohne Zweifel katastrophale Auswirkungen haben.

Die Spaltung der Menschheit in eine privilegierte Elite, welche die Segnungen der modernen Zivilisation ernet, und eine Masse von Armen, die aus ökologischen Gründen darauf verzichten muss, ist nicht akzeptabel. Wenn uns an Gerechtigkeit etwas liegt, müssen wir also unser bisheriges Verständnis von Wohlstand und unsere Wechselwirkung mit den Natursystemen fundamental überdenken.

Damit dieser Beitrag nicht noch länger wird, zerlege ich ihn in zwei Teile. Beim nächsten Mal werde ich nach den oben angesprochenen ökologischen Problemen auf gewisse wirtschaftliche Missstände eingehen.

(1) Fünfter Sachstandsbericht des IPCC (Wikipedia)
(2) Ursachen der globalen Erwärmung (Wikipedia)
(3) Folgen der globalen Erwärmung (Wikipedia)
(4) Biodiversität (Wikipedia)
(5) Holocene extinction (engl. Wikipedia)
(6) Ursachen des heutigen Artensterbens (Wikipedia)
(7) Biodiversität und Funktionalität von Ökosystemen (Wikipedia)
(8) Ecosystem services (engl. Wikipedia)
(9) Tony Juniper: „What Has Nature Ever Done For Us?“ (Profile Books, 2013)
(10) Die Costanza-Studie (Wikipedia)
(11) Colony collapse disorder (engl. Wikipedia)
(12) Umweltverschmutzung (Wikipedia)
(13) Bodenerosion (Wikipedia)
(14) World population estimates (engl. Wikipedia)
(15) Weltbevölkerung (Wikipedia)
(16) I = PAT (engl. Wikipedia)
(17) Effects of human overpopulation (engl. Wikipedia)

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2 Gedanken zu “Was vor uns liegt (1/2)

  1. Tgau GA. Wie ich auf deinem Blog gestossen bin kannst du dir vermutlich denken. Ich habe beim ersten click bereits alles bisherige durchgelesen und werde es aufgrund meiner gleichgesinnten Interessen und Anschauungen auch weiterhin tun. Vielleicht kann ich ja auch was dazu beitragen indem ich Fragen oder Interessen bekundige, welche ich aufgrund meiner spärlichen Freizeit nicht selbst zum recherchieren komme. Was ich so tue? – ’selbstverständlich‘ arbeiten ;). ich sehe es ebenso wichtig, dass diese Themen besprochen und Wissen geteilt wird, leider findet sich heutzutage nicht leicht gute Gesprächspartner. Ich habe Verständnis für die vielen, die diese Themen aufgrund ihrer Schwere aus dem Weg gehen, es ist nicht so leicht, wie du sagst, diese Themen mit positiven Visionen anzugehen. Deshalb bin ich sehr gespannt zu lesen, wie du dies angehst. Damit ich nicht zu fest in Sorge gerate und vor der Schwere erdrückt werde stelle ich mir seit geraumer zeit immer wieder die Frage, wie kann ich mich in meinem Alltag besser verhalten damit ich mit guten Gewissen und mit positiven Visionen mit meinem Umfeld darüber reden kann. Als Beispiel nehme ich hier gerade den von dir noch nicht erwähnten Fleischkonsum, welcher einen erheblichen Anteil an den menschlichen Treibhausgasen beisteuert. Ich will kein vegetarier werden, dennoch wird der Verzicht von jedem zweiten oder dritten fleischigem Mahl schon einiges auswirken, geschweige denn, wenn dies alle insbesondere westlich lebenden Menschen beherzigen würden. Ein Kollege hat mir von einer Studie berichtet, welches besagt, das der Verzehr von einem Kilo Rind den selbigen Treibgas-Schaden anrichtet wie eine Autofahrt von 1’600km, das so nebenbei. Ich bin gespannt auf deine weiteren Einträge, wer weiss, vielleicht ergeben sich noch eingie interessante Chats. Beste Wünsche

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    • Hallo Marc, schön von dir zu hören, mein alter WG-Kollege!

      Deinen Punkt mit dem Fleischkonsum finde ich sehr gut. Besonders Rindfleisch ist meines Wissens ökologisch problematisch, da es in der Produktion im Vergleich mit Schweinefleisch oder Poulet ein Vielfaches an Landfläche und Wasser verbraucht. (https://www.theguardian.com/environment/2014/jul/21/giving-up-beef-reduce-carbon-footprint-more-than-cars) Dazu kommen natürlich die ethischen Probleme in Bezug auf die Tierhaltung.

      Trotzdem fällt es auch mir schwer, vollständig auf Fleisch, Eier oder Milchprodukte zu verzichten. Ich versuche, meinen Verbrauch einzuschränken – weniger zu konsumieren, dafür aus tierfreundlicher Haltung und biologischer Produktion. Wer weiss, vielleicht gibt es bald einmal eine Möglichkeit, unseren Appetit auf solche Lebensmittel ressourcenschonender und humaner zu befriedigen, nämlich ohne den umständlichen Umweg über ein leidensfähiges Tier? Ein Startup in den USA will z.B. Kuhmilch mit Hilfe von Hefepilzen herstellen (http://www.perfectdayfoods.com). Ich bin solchen Innovationen gegenüber sehr aufgeschlossen.

      Es stimmt, dass sich viele Menschen von der Schwere der angesprochenen Probleme stark verunsichert fühlen. Da wir uns oft angesichts der globalen Entwicklungen machtlos fühlen, blenden wir sie aus und hoffen, dass (je nach politischer Präferenz) die Experten / der Staat / der Markt schon eine Lösung finden werden.

      Vielleicht sind es die Antidepressiva, die da sprechen, aber ich persönlich bin im Moment trotz allem zuversichtlich, dass es uns gelingen kann, die grossen Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen. Darüber zu sprechen, wie das passieren soll und wo die Knackpunkte liegen, ist ein wichtiger Schritt zur Lösung.

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