Was vor uns liegt (2/2)

In der Fortsetzung meines letzen Artikels möchte ich nach den ökologischen Krisen nun auf verschiedene Probleme im Bereich der Wirtschaft eingehen. Ich erhebe nicht den Anspruch, dass diese Liste vollständig ist oder die darin enthaltenen Aussagen bahnbrechende Neuigkeiten darstellen. Es geht mir bloss darum, Sachverhalte zu benennen, die meiner Meinung nach unsere Aufmerksamkeit verdienen.

Wirtschaftliche Ungleichheit

Wie der Reichtum innerhalb einer Gesellschaft verteilt ist, lässt sich auf verschiedene Arten einschätzen. Sowohl das Vermögen als auch das Einkommen spielen eine Rolle dabei, welche sozialen Schichten über besonders viel wirtschaftliche Macht verfügen. Ein häufig verwendetes Mass ist der Gini-Koeffizient, der umso höher ist, je ungleicher die Verteilung des Reichtums ist.(1)

Im Lauf der industriellen Revolution stiegt die globale Ungleichheit stark an – die meisten Regionen blieben arm, während die Industrienationen immer reicher wurden. Dieser Trend hielt bis in die 1980er-Jahre an. Erst seit kurzem gleichen sich die weltweiten Unterschiede wieder etwas an, hauptsächlich durch den Anstieg der Einkommen in den ärmeren Ländern.(2)

Die globale Ungleichheit hat aber immer noch groteske Ausmasse. Eine kürzlich veröffentlichte Oxfam-Studie schätzt, dass aktuell 8 Einzelpersonen so viel Vermögen besitzen wie die gesamte ärmere Hälfte der Menschheit. Das reichste 1% der Weltbevölkerung besitzt die Hälfte aller Vermögen.(3)

Zudem lässt sich beobachten, dass in vielen, aber nicht allen reichen Ländern die wirtschaftliche Ungleichheit innerhalb der Nationen seit ca. 1980 wieder zunimmt, nachdem sie vorher etwa 40 Jahre lang gesunken war. Am krassesten zeigt sich diese U-förmige Entwicklung in den USA.(4)

In der Schweiz ist zwar der Gini-Koeffizient für Einkommen seit Jahren stabil und mit anderen europäischen Ländern vergleichbar.(5) Betrachtet man jedoch die Verteilung der Vermögenswerte, gehört die Schweiz zu den Ländern mit der weltweit grössten Ungleichheit.(6)

Zahlreiche empirische Studien belegen eine starke statistische Korrelation zwischen dem Grad der wirtschaftlichen Ungleichheit in verschiedenen Ländern und diversen sozialen Problemen. In ungleicheren Gesellschaften werden mehr Gewaltverbrechen verübt, die körperliche und mentale Gesundheit der Bevölkerung ist schlechter, die Lebenserwartung kürzer. Der Bildungsgrad ist geringer, ebenso die soziale Mobilität.

Dabei sind es nicht bloss die ärmeren Schichten, welche unter diesen negativen Effekten zu leiden haben, sondern selbst die höchsten Einkommensklassen schneiden schlechter ab, wenn man sie mit Bewohnern von egalitäreren Ländern vergleicht.(7)

Konsumismus

In einer Welt, in der wir durch unseren Verbrauch von Ressourcen und Energie an die Grenzen der Tragfähigkeit der planetaren Ökosysteme stossen, bedeutet eigentlich jeder Aufruf zu noch mehr Konsum eine Anstiftung zum kollektiven Selbstmord.(8)

Nichtsdestotrotz halten viele Menschen unerschütterlich am Glauben fest, dass unbegrenztes Wirtschaftswachstum das Heil bringen werde. Kein Wunder, denn viele Firmen verdienen enorme Summen damit, immer mehr Produkte zu verkaufen. Die Werbeindustrie steht ihnen dabei willfährig zu Diensten.

Was zählt, sind nicht mehr die unmittelbaren Qualitäten eines Gegenstandes – seine Nützlichkeit, Haltbarkeit oder handwerkliche Schönheit – sondern vielmehr die symbolischen Assoziationen, mit denen ein Produkt aufgeladen wurde, und die Signale, die es über den sozialen Status seines Nutzers aussendet. Der Konsument konstruiert sich seine Identität durch sein Kaufverhalten.(9)

In der Werbung werden echte Bedürfnisse angesprochen, z.B. nach Freiheit, Sicherheit, Schönheit oder sozialer Anerkennung. Die Erfüllung dieser legitimen Wünsche hat aber bitte gefälligst durch eine schnöde Ware oder Dienstleistung zu erfolgen. Freiheit ist ein Auto mit Allradantrieb, Schönheit ist eine Hautcreme, Gesundheit ist ein Abo fürs Fitnesscenter.

Diese dümmlichen Äquivalenzen sind eine Beleidigung. Ich glaube nicht, dass die meisten von uns brave Schäfchen sind, welche die Botschaften der Industrie unreflektiert schlucken. Aber es zehrt an den Kräften, sich gegen diese allgegenwärtige From der geistigen Umweltverschmutzung zur Wehr zu setzen.(10)

Immer kürzere Produktzyklen (z.B. bei Handys oder in der Mode) sollen dafür sorgen, dass die Konsumenten möglichst schnell wieder neue Waren kaufen.(11) Diese enormen Massen von Konsumgütern werden in Schwellenländern unter erbärmlichen Arbeitsbedingungen(12) und mit verheerenden Folgen für die lokale Umwelt(13) hergestellt.

Die Bewohner der reichen Länder exportieren so die sozialen und ökologischen Kosten ihres Lebensstils und wälzen sie auf Menschen ab, denen aus wirtschaftlicher Not keine Wahl bleibt, als sich diesen Bedingungen zu unterwerfen.

Tyrannei der abstrakten Arbeit

Manchen Leuten mag es absurd erscheinen, dass man Arbeit überhaupt kritisieren kann. „Arbeitskritik“, ist das nicht ähnlich sinnlos wie „Gravitationskritik“? Tatsächlich hat aber die Kritik der Arbeit eine lange Tradition.(14)

Ja, Menschen haben sich schon immer in einer tätigen Form mit ihrer Umwelt auseinandergesetzt. Aber dass die meisten Menschen für ihr Überleben darauf angewiesen sind, ihre Arbeit zu verkaufen – das ist alles andere als eine zwangsläufige Naturgegebenheit, sondern bloss eine der zahlreichen historischen Formen, in der die Mitglieder einer Gesellschaft ihre Aktivitäten zu koordinieren versucht haben.(15)

Heutzutage steht uns scheinbar alternativlos ein System gegenüber, in dem die Wünsche und Bedürfnisse der Individuuen keinen Wert haben (ausser als Triebfeder für Konsum, siehe oben). Der konkrete Sinn und Zweck einer Tätigkeit zählt nicht mehr, sondern nur noch, ob sie sich zu Geld machen lässt. Hauptsache, man hat Arbeit!

Diese nihilistische Blindheit gegenüber realen Werten zeigt sich auch in der Verwendung des Bruttoinlandprodukts (BIP, engl. Gross Domestic Product GDP) als Indikator für wirtschaftlichen Erfolg, obwohl dieses in seiner Konzeption keinen Zusammenhang mit dem Wohlergehen der Bevölkerung hat, sondern bloss den Geldwert der ökonomischen Aktivitäten summiert.(16) Ob Zigaretten oder Handgranaten – solange es sich verkaufen lässt, wird es als positiv verbucht.

Warum gab es trotz der gewaltigen technischen Entwicklungen und Produktivitätssteigerung der vergangenen zwei Jahrhunderte keine allgemeine Verkürzung der Arbeitszeit? Wäre es nicht erstrebenswert, den für den Erhalt unseres materiellen Wohlstands notwendigen Aufwand immer weiter zu reduzieren, damit wir uns in Musse dem widmen können, was uns wirklich wichtig ist?(17)

Die Arbeit ist ein Instrument der Disziplinierung. Wer nicht arbeitet, hat Zeit zum Denken – sofern er nicht mit Verhungern beschäftigt ist. Zuviel Nachdenken kann gefährlich werden.

Vielleicht vermehrt sich darum jene Arbeit so unaufhörlich, welche der Anthropologe David Graeber „bullshit jobs“(18) nennt, also Stellen mit äusserst zweifelhaftem persönlichem und gesellschaftlichem Wert.

Was eigentlich unser edelstes Ziel sein sollte, nämlich die Befreiung aller Menschen vom Joch der Arbeit, tritt uns pervers verzerrt als Schreckenvision der Massenarbeitslosigkeit durch vollständige Automatisierung entgegen. Können wir uns wirklich nicht von dem Gedanken trennen, dass Einkommen an Arbeit geknüpft sein muss? Burnout für die einen, Armut für die anderen – wann beenden wir diese absurde Schmierenkomödie?

Dies beiden Artikel wurden ein gutes Stück länger als erwartet… Es freut mich, falls ihr bis hierhin durchgehalten habt. Beim nächsten Mal werde ich mich wieder kürzer fassen, versprochen! 🙂

(1) Gini-Koeffizient (Wikipedia)
(2) Global income inequality increased for 2 centuries and is now falling (Our World in Data / Oxford University)
(3) 8 Männer besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung (Oxfam)
(4) How has inequality in high-income countries evolved over the last century? (Our World in Data / Oxford University)
(5) Ungleichheit der Einkommensverteilung (Bundesamt für Statistik)
(6) Liste der Länder nach Vermögensverteilung (Wikipedia)
(7) Richard Wilkinson & Kate Pickett: The Spirit Level – Why Equality is Better for Everyone (Penguin Books, 2009)
(8) Der zerstörerische Traum vom Fortschritt (Die Zeit)
(9) Consumer identity (engl. Wikipedia)
(10) Werbekritik (Wikipedia)
(11) Nur nebenbei sei hier erwähnt, dass der Besitzer der „fast fashion“-Kette Zara, Amancio Ortega, der reichste Mann Europas und der zweitreichste Mann der Welt ist.
(12) Deaths of Foxconn Employees Highlight Pressures Faced by China’s Factory Workers (Wall Street Journal)
(13) The dystopian lake filled by the world’s tech lust (BBC)
(14) Kritik der Arbeit (Wikipedia)
(15) John Holloway differenziert in seinem Buch „Crack Capitalism“ (Pluto Press, 2010) zwischen „labour“ und „doing“, also abstrakter Arbeit und konkreter Tätigkeit, und zeigt auf, welche weitreichenden Folgen die Dominanz von ersterer Logik in den letzten Jahrhunderten hatte.
(16) Bruttoinlandsprodukt -> Alternativen (Wikipedia)
(17) Hans-Jürgen Arlt: Arbeit und Musse (Springer Essentials, 2015)
(18) Why Capitalism Creates Pointless Jobs (Evonomics)

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