An der Hochschule (eidg. techn.)

Die Toiletten an der ETH waren mein Zufluchtsort. Dort hatte ich wenigstens ein paar Minuten meine Ruhe. Manchmal auch etwas länger, wenn sich die Kabine in einem besonders abgelegenen Teil des Gebäudes befand. Einmal hatte ich das Glück, eine Stunde lang ungestört zu bleiben und mich meinen nagenden Sorgen widmen zu können.

Ich befand mich 2015 im vierten Semester meines Mathematikstudiums, formell zumindest. Innerlich hatte ich mich längst exmatrikuliert. Meine Motivation, meine Leistungen und meine geistige Gesundheit sanken parallel immer tiefer ab. Ich schleppte mich übermüdet in die Vorlesungen, schwänzte Übungsstunden und flüchtete abends zu Youtube, Videogames und Pornos.

Es war alles nur noch eine Farce. Ich tat so, als wäre ich noch irgendwie an diesem Studium beteiligt, aber ich glaubte nicht mehr daran, dass ich es mit Erfolg abschliessen könnte. Dafür war ich einfach zu blöd.

Dabei hatte es gar nicht so schlecht begonnen. Die Basisprüfung nach dem ersten Jahr hatte ich mit einem guten, wenn auch nicht exzellenten Notenschnitt bestanden. Und es gab Fächer und Themen, die mir gefielen. Mein Zugang zur Mathematik war intuitiv, ästhetisch, visuell. Ich war glücklich, wann immer ich mir die Inhalte bildhaft vorstellen konnte: als Form, als Fluss, als Bewegung. Je eleganter ein Ergebnis war, desto besser.

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Perfekte Schönheit.

Aber diese Strategie versagte immer häufiger. Ich merkte, wie mir die Beherrschung des Stoffs mehr und mehr entglitt. Ich hatte bereits einen Prüfungsblock verschoben, und nichts deutete darauf hin, dass ich in diesem Semester die Kurve kriegen würde. Mir war alles über den Kopf gewachsen.

Nicht, dass ich damit allein gewesen wäre. Abgesehen von einigen Genies, denen scheinbar alles leicht von der Hand ging, hatte ich den Eindruck, dass viele meiner Mitstudenten ebenfalls am Anschlag waren.

Schon zu Beginn des ersten Semesters war klar geworden, dass von uns die vollkommene Unterordnung des persönlichen Lebens unter das Studium erwartet wurde. Wie wollte man das straffe Pensum anders bewältigen? Um mit der ständig wachsenden Flut an Stoff halbwegs Schritt zu halten, musste man jede wache Minute mit Lernen verbringen. Es war ein offenes Geheimnis, dass es fast niemandem gelang, jede Woche alle gestellten Aufgaben zu lösen.

Im fixen Takt wurden wir durch die Vorlesungen und Übungen gehetzt, ohne einen Moment zur Reflektion zu haben. Der Wunsch nach freier Zeit, Erholung, Autonomie? Störgrössen! Wozu wollte man sich beschweren? War man etwa zu dumm, mit den hohen Anforderungen klarzukommen?

Nachdem einige von uns in einer anonymen Zwischenbewertung den Wunsch nach mehr Anschauungsbeispielen geäussert hatten, hielt uns ein Dozent einen viertelstündigen Sermon darüber, dass seine Vorlesung doch bereits mehr als genug anschaulich sei. Wie leicht sollte er es uns denn noch machen? Wir sind nicht mehr im Kindergarten!

Eine Atmosphäre aus Konkurrenzdruck und Leistungswettbewerb war die Luft, die wir atmeten. Uns lockte die Verheissung, zu einer Elite gehören zu können, aber solange wir unsere Prüfungen noch nicht bestanden hatten, schwebte über uns die Angst, zu versagen. War man gut genug? Man musste sich eben noch mehr anstrengen!

Die systematische Überforderung ist wohl Teil des Selektionsapparats. Warum sollte eine Hochschule sich die Mühe machen, den Lernprozess der Studierenden zu fördern, wenn man sie einfach mit Wissen bewerfen kann und dann jene Talente herauspickt, an denen es kleben bleibt?

Ich war so naiv gewesen, zu glauben, dass die Universität ein Ort der Bildung sei, und nicht bloss eine maschinelle Fertigungsstrasse für normierte Facharbeiter. Nun realisierte ich, dass ich hier am falschen Ort war. Wenn ich noch länger bliebe, würde ich zugrunde gehen. Im Sommer 2015 brach ich mein Studium ab.

Die ETH Zürich hat vor einigen Jahren eine „Critical Thinking“-Initiative lanciert. Ziel sei es, „die Studierenden zu kritischen und unabhängig denkenden Persönlichkeiten auszubilden“. Fragt sich nur, wann dieser Vorgang stattfinden soll? Der Lehrplan lässt dafür jedenfalls keine Zeit.

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