Das Ende der Arbeit

Seit einigen Jahren verbreitet sich auch im Mainstream die Idee, dass relativ bald – sagen wir, innerhalb der nächsten zehn bis zwanzig Jahre – durch Automatisierung ein Grossteil der heutigen Arbeit von Robotern oder Algorithmen übernommen werden könnte. Davon betroffen wären nicht mehr nur klassische Industriejobs (dort ist dieser Prozess schon längst im Gange), sondern auch zunehmend der Dienstleistungssektor, da künstliche Intelligenz zu immer mehr Leistungen fähig ist, die bisher als Domäne des menschlichen Geistes galten.

Darstellungen dieser Zukunftsvision finden sich z.B. in „The Second Machine Age“ von Erik Brynjolfsson und Andrew McAffee oder in „The Zero Marginal Cost Society“ von Jeremy Rifkin. Die selbstfahrenden Autos, über die in letzter Zeit immer wieder in den Medien berichtet wurde (und zwar nicht als Spekulation, sondern als reale Prototypen), sind ein Beispiel für diese Entwicklung. Kürzlich fand sich auch im Tages-Anzeiger ein Artikel zu diesem Thema.

Was mich an diesem Diskurs befremdet, ist das hartnäckige Festhalten am angeblich positiven Wert der Arbeit. Während die Pessimisten sich sorgen, dass uns „die Arbeit ausgeht“ und das Schreckgespenst der Massenarbeitslosigkeit am Horizont sehen, halten die technikgläubigen Optimisten am Mantra der Arbeitserhaltung fest: Ja, gewisse Industrien werden untergehen, aber sicherlich würden in einem Zyklus der kreativen Zerstörung auch wieder andere Branchen entstehen, die uns mit neuen Arbeitsplätzen segnen.

Das ist absurd. Arbeit ist keine Naturkonstante. Welche Tätigkeiten eine Gesellschaft für notwendig hält, welche sozialen Gruppen diese Tätigkeiten verrichten (oder dazu gezwungen werden), an wen der dadurch erzeugte Wohlstand verteilt wird und wer unter den negativen Auswirkungen zu leiden hat, dafür gab es in der Menschheitsgeschichte tausende unterschiedliche Modelle. Es gibt keinen Grund, warum unser aktuelles System mit dem Ideal der Vollbeschäftigung und der 42-Stunden-Woche für alle Ewigkeit Bestand haben sollte.

Der Glaube, dass uns die Roboter nicht die Arbeit wegnehmen sollen, ist mehr als naiv, er ist deprimierend. Wozu soll denn der ganze technologische Fortschritt gut sein, wenn wir uns trotzdem weiterhin im Hamsterrad abstrampeln? Eine neue Erfindung steigert die Produktivität – wunderbar! Aber soll das bloss heissen, dass wir die Welt nun noch effizienter mit unnützem Kram zumüllen können?

Wenn wir die Wahl zwischen mehr Konsum und weniger Arbeit haben, entscheide ich mich für die zweite Option. Nicht die Ausweitung der Produktion, sondern die Reduktion der notwendigen Arbeitszeit sollte unser Hauptanliegen sein. Immer mehr Menschen immer umfassender vom Joch der Arbeit zu befreien – das ist eine Vision, hinter der ich stehen kann.

Die Apologeten der Arbeit haben nicht komplett unrecht, wenn sie behaupten, dass uns die Arbeit nie ausgehen werde: „Es gibt doch immer genügend Arbeit. Es gibt doch immer etwas Gescheites zu tun.“ Ja, es gibt tatsächlich Millionen von Projekten, denen wir uns widmen könnten. Aber es ist ein entscheidender Unterschied, ob wir dies im Kontext bezahlter Arbeit oder selbstbestimmter Tätigkeit tun.

Das Problem ist nicht Arbeitslosigkeit. Keine Arbeit zu haben, ist wunderbar. Keine Arbeit zu haben, heisst frei zu sein, Souveränität über die Gestaltung der eigenen Zeit zu haben, eine Zeit, die nicht unter dem Schatten vergangener oder bald anstehender Arbeit liegt. Ich rede nicht von Freizeit. „Freizeit“ ist Erholung von der Arbeit. Was ist meine, ist echte Musse: Zeit, in der man seine persönlichen Bindungen pflegen, seinen Interessen nachgehen, die eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten erweitern oder einen Beitrag zum sozialen Leben leisten kann.

All dies wäre möglich, wenn uns „die Maschinen den Rücken freihalten“, wie Ralph Pöhner in dem oben verlinkten Artikel schreibt. Was er nicht zu verstehen scheint, ist der Fakt, dass unter den gegenwärtigen Verhältnissen die Effekte der Automatisierung nicht gleichmässig verteilt sind. Auch die Maschinenstürmer zu Beginn der Industrialisierung wären wohl kaum gegen eine Erleichterung ihrer Arbeit gewesen. Aber sie rebellierten, weil der technische Fortschritt nicht ihnen zugute kam, sondern den Fabrikbesitzern.

Nicht der Wegfall der Arbeit ist das Problem, sondern der Verlust des Einkommens. Dass diese beiden Dinge miteinander verknüpft sind, ist nicht zwingend. Ich bin dafür, dass wir uns vom Kult der Arbeit verabschieden und sie als ein Übel betrachten, das es auszumerzen gilt.

Welche Tätigkeiten sehen wir als wertvoll an, wie motivieren wir Menschen dazu, und wie können wir Belastung und Nutzen gerecht verteilen? Das sind die Fragen, die wir uns stellen sollten.

 

PS: Angeblich gibt es Leute, die gerne arbeiten. Keine Angst – ich will niemandem etwas wegnehmen, an dem er Freude hat. Aber ich bitte um Verständnis dafür, dass ich (mit Verlaub) besseres zu tun habe, als vierzig Jahre lang fremdbestimmt zu sein.

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