Utopie und Realität

Utopien haben einen schlechten Ruf. Der Duden gibt als Bedeutung „undurchführbar erscheinender Plan; Idee ohne reale Grundlage“ an und listet die Synonyme „Illusion, Luftschloss, Trugbild, Hirngespinst“. Selbst wenn man den Begriff etwas wohlwollender als „Vision“ versteht, haftet daran der Ruch naiver Schwärmerei. Sollten wir uns nicht lieber um wirkliche Probleme kümmern, statt nach Irrlichtern zu haschen?

Einige von euch haben erkannt, dass ich in meinem letzten Text mit der Idee der Entkopplung von Arbeit und Einkommen implizit das bedingungslose Grundeinkommen angesprochen habe. Das ist richtig. Allerdings habe ich mich in meinen Recherchen noch nicht genug in dieses Thema vertieft, um eine fundierte Meinung darüber zu haben, ob und wie sich dieses Vorhaben umsetzen lässt.

Sicher ist es wichtig, sich konkret damit zu beschäftigen, wie praktikabel ein solcher Entwurf ist. Erst kürzlich habe ich einen Stapel entsprechender Literatur bestellt, um in Zukunft schlüssiger dafür argumentieren zu können. Ohne dieses Wissen kann ich zwar eine polemische Kurzantwort(*) geben, doch das ist nicht befriedigend.

Ich möchte hier aber eine Rehabilitierung der Utopie versuchen. Ob eine utopische Forderung umsetzbar wäre, ist sekundär. Ihre erste Funktion ist es, den Kompass neu auszurichten.

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Eine Utopie beantwortet die Frage: Was ist erstrebenswert? Sie formuliert ein Ideal – ein Zustand, dem wir uns nur asymptotisch nähern können, was uns aber nicht davon abhalten soll, uns auf den Weg zu machen. Der weit entfernte Leitstern der Utopie gibt uns Orientierung dabei. Bringt uns dieser oder jener Schritt näher zum Ziel, oder entfernt er uns davon?

Wer gleichzeitig auf zwei diametral entgegengesetzte Punkte zusteuert, kommt nirgendwohin. Uns sollte also daran gelegen sein, dass zwischen unseren Idealen eine gewisse Kohärenz besteht, damit sie sich gegenseitig stützen und uns dabei helfen, voranzukommen.

Es gibt am geistigen Horizont Myriaden dieser Pole, nach denen wir navigieren können: Ein Leben befreit von der Knechtschaft der Arbeit. Eine Gesellschaft ohne Herrschaft und Gewalt. Das entfesselte Spiel des freien Marktes. Unendliches Wirtschaftswachstum. All diese Ideen sind gleichermassen imaginär, aber sie lenken unser reales Handeln in ganz unterschiedliche Richtungen. Die Zielvorgaben, die sich aus den verschiedenen Wertsetzungen ableiten, liegen weit auseinander.

Ich verstehe die Utopie also nicht als Blaupause für eine perfekte Gesellschaft. Die zahlreichen gescheiterten Versuche, die Menschheit mit einem im Voraus aufgestellten Plan zu beglücken, lassen mich an einem solchen Ansatz zweifeln. Veraltete Karten helfen nicht bei der Navigation. Vielmehr kann die Utopie eine bewusst vage gehaltene Wunschvorstellung sein. Sie fragt ganz unbefangen: „Wäre es nicht schön, wenn…?“

Erst wenn das Ziel formuliert ist, können wir uns über den Weg dorthin Gedanken machen. Dann müssen wir uns unweigerlich mit den Widrigkeiten der Realität auseinandersetzen. Wichtig dabei ist aber, dass das Terrain, in dem wir uns bewegen, nicht bloss die physische Umwelt, sondern auch die von Menschen gemachte geistige und soziale Infrastruktur ist – die aktuell etablierten Meinungen, Normen, Institutionen. Abhängig von den vorherrschenden Strömungen ist ein gewählter Kurs einfacher oder schwerer.

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Das Magnetfeld einer dominanten Idee, wie sie der Kapitalismus darstellt, verformt alles Denken und Handeln um sich herum. Gewisse Aktivitäten, Entscheidungen, Einstellungen werden begünstigt, während andere, die sich quer stellen, auf grösseren Widerstand stossen. Je länger eine solche Ideologie unwidersprochen bleibt, desto stärker erscheint sie als unveränderbare Gegebenheit. Ihre partikulären Ansichten zum Wesen der Welt und der Menschen geben sich als allgemeingültige Wahrheiten aus.

Diese scheinbare Naturhaftigkeit der sozialen Konstruktionen in Frage zu stellen, ist ein wichtiger Zweck der Utopie. Der utopische Entwurf postuliert: gesellschaftliche Konventionen sind zu einem grossen Teil willkürlich. Nicht alles, was über die Jahrhunderte herangewachsen ist, muss zwangsläufig so bleiben. Eine andere Welt ist möglich.

Ich behaupte nicht, dass alles bloss Ansichtssache ist, oder dass es so etwas wie eine äussere Natur, die ihre eigenen Gesetzmässigkeiten hat, nicht gibt. Im Gegenteil, in meinen Augen ist z.B. das bestehende Wirtschaftssystem gerade deshalb nicht länger tragbar, weil es diese Realität nicht anerkennt (die Klimaerwärmung schreitet voran, ob die Aktionäre von ExxonMobil daran glauben oder nicht).

Aber wenn es um soziale, wirtschaftliche und politische Fragen geht, haben wir möglicherweise einen viel grösseren Gestaltungsspielraum, als uns bewusst ist. Die Umsetzbarkeit einer Idee hängt nicht zuletzt auch davon ab, wie viele Menschen davon überzeugt sind, dass sie machbar ist.

Wir sind frei, unsere Werte selbst zu setzen – auch (und gerade dann!) wenn sie konträr zu den gegenwärtigen Fakten stehen. Im Austausch mit der empirischen Realität finden wir heraus, wie wir unsere utopischen Ideen am besten verwirklichen können.


Titelbild (Polaris): Thomas Heylen / flickr
Weltkarte: Buzzfeed
Magnetspäne: Windell Oskay / flickr


(*) Wer soll das Grundeinkommen bezahlen? Die Reichen, die haben das Geld. Wer würde dann noch arbeiten? Niemand, der einen sinnlosen Job hat. Harhar.

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