Beschädigte Ware

Ich habe einige Rückmeldungen zu meinen letzten Artikel bekommen. Danke dafür! Eure Bemerkungen haben weitere Gedanken dazu bei mir angeregt, so dass ich gerne noch ein paar Dinge zum Thema loswerden möchte.

Erstens: Ich hoffe, dass ich klar genug vermitteln konnte, dass die beschriebene depressive Episode schon ein Jahr her ist. Zur Zeit geht es mir psychisch nicht schlecht, es muss sich also niemand Sorgen um mich machen!

Zweitens: Während einige meinen Mut lobten, so persönliche Dinge zu offenbaren, sah es mindestens ein Freund von mir kritischer. Mein Text sei „ein Seelenstriptease der intensivsten Art“. Er verstehe, dass es therapeutisch wirken könne, sich mitzuteilen, aber sei das Ganze nicht etwas „over the top“?

Ich habe lange über diesen Punkt nachgedacht. „Over-sharing“, „too much information“ – es mangelt nicht an Ausdrücken für das übereifrige Teilen von intimen Informationen im Netz. Sind meine Texte eventuell nur eine peinliche Nabelschau, über die man bloss mitleidig mit den Augen rollen kann? Auf einer Stufe mit Katzenvideos und Bildern vom letzten Znacht?

Wenn ich hier private Details preisgebe, dann ist es nicht mein Ziel, einen Voyeurismus zu befriedigen. Vielmehr hoffe ich, dass in meiner persönlichen Geschichte auch universelle Themen zu finden sind, die andere Menschen ebenfalls angehen. Wen nicht interessiert, was ich schreibe, den zwinge ich nicht, meine Texte zu lesen. Falls euch meine Artikel zu narzisstisch, meine Titel zu clickbaity sind, dann ignoriert mich einfach und entfreundet mich in den sozialen Netzwerken.

Ja, alles was ich hier publiziere, ist öffentlich. Damit habe ich kein Problem. Ich stehe zu dem, was ich schreibe.

Drittens: Es wurde auch die Sorge geäussert, ich würde mir durch den Text am Ende selber schaden. Spezifisch könnte ich mir damit zukünftige Jobchancen verbauen. Jemand warnte mich: „Wenn später einmal ein Arbeitgeber dich recherchiert und findet, dass du suizidal warst, dann wird er dich wohl eher nicht anstellen wollen. Er wird sich keine Probleme psychischer Art reinholen wollen.“

Ich behaupte nicht, dass dieses Szenario völlig unrealistisch ist. Aber wäre es wirklich mein Blog, der mir das Genick bricht?

Seit ich zehn Jahre alt war, gab es immer wieder Phasen, in denen ich aus psychischen Gründen nicht zur Schule ging, teils jahrelang. Meine Matura holte ich 2011 über zahlreiche Umwege nach. Von meinem abgebrochenen Mathematikstudium habe ich hier bereits berichtet. Mein Lebenslauf hat also so riesige Lücken, dass jede vernünftige Personalabteilung mein Dossier schon längst ins Altpapier gelegt haben wird, bevor sie sich die Mühe macht, weitere Details über mich zu recherchieren.

Nach den üblichen Massstäben des Wettbewerbs habe ich völlig versagt. Über Jahrzehnte habe ich meine Bürgerpflicht zur beständigen Selbstoptimierung und Vermarktung der eigenen Person sträflich vernachlässigt. Das ist ein Makel, den ich nicht mehr tilgen kann und der immer gegen mich sprechen wird. Selbst wenn es mir gelingen sollte, eine Ausbildung abzuschliessen, fehlen mir immer noch 10 bis 15 Jahre Erfahrung im Vergleich mit anderen Kandidaten. Wozu wieder in ein Rennen einsteigen, das ich sowieso schon verloren habe?

Man verzeihe mir also, wenn ich nicht glauben kann, dass mein Weg irgendwann wieder auf die herkömmliche Fahrbahn einspuren wird.

Das klingt furchtbar fatalistisch. Ich will nicht in Resignation versinken. Aber dazu ist es immens wichtig, dass ich mich nicht auf ein Spiel einlasse, in dem meine Schwächen mich besonders verwundbar machen und meine Stärken nichts zählen. Ich habe also wenig Lust, mich in den gnadenlosen Konkurrenzkampf des Arbeitsmarktes zu stürzen.

Aber was gibt es für Alternativen? Das ist die Krux.

Wir leben zur Zeit noch in einem System, in dem das Recht jedes Menschen auf ein würdiges Leben, auf Essen und ein Dach über dem Kopf nicht bedingungslos gesichert ist. Seine Existenzberechtigung soll man sich zuerst verdienen müssen, sei es durch Verkauf der eigenen Person auf dem Markt, oder durch Unterwerfung unter die Bürokratie von RAV, Sozialamt oder IV. Wer keinen Arbeitsplatz hat, soll die herrschende Arbeitsmoral dennoch stützen, indem er gefälligst seine Bereitschaft demonstriert, sich möglichst bald wieder knechten zu lassen, oder Beweise dafür vorlegt, dass er unfähig zur Arbeit ist – keine Simulanten und Scheininvalide bitte!

Das ist angeblich der normale Lauf der Dinge. Meine Situation in dieser Welt ist prekär. Aber solange ich trotzdem noch irgendwie geduldet werde, will ich dafür kämpfen, dass die aktuellen Verhältnisse nicht als naturgegeben gesehen werden und nicht unwidersprochen bleiben.

Und vielleicht gelingt es mir ja sogar, dass eines Tages genügend Leute meine Tätigkeit als wertvoll und wichtig erachten, so dass ich mich nicht mehr als Schmarotzer fühlen muss.

Irgendwelche Vorschläge?


Titelbild: Rusty Can by Sarah / flickr

Advertisements

Ein Gedanke zu “Beschädigte Ware

  1. Lieber Gian
    Ich habe den grössten Respekt für die von Dir geschilderten Erfahrungen und Deine jetzige Situation. Ganz besonders wichtig finde ich dass Du darüber öffentlich schreibst, damit Andere wissen, dass Sie mit solchen Empfindungen und Erfahrungen nicht allein sind. Ich habe selber lange Zeit in einer ähnlichen Situation gelebt wie Du, einerseits finanziell privilegiert, andererseits mit dem schmerzlichen Bewusstsein, mich nicht als stromlinienförmige Ware in den Arbeitsmarkt einfügen zu wollen/zu können. Als dann die finanzielle Sicherheit nicht mehr gegeben war, musste ich mich allerdings wohl oder übel den Regeln des Sozialamtes unterwerfen, d.h. ich war ganz unten angekommen und wäre dort auch geblieben, wenn mir nicht mein gegenwärtiger Arbeitgeber die Möglichkeit eines unkonventionellen (Wieder)Einstiegs in die Arbeitswelt geboten hätte, so dass ich die Möglichkeit habe meine Fähigkeiten zu entwickeln in ein Umfeld wo der Mensch etwas zählt. Ich bin dafür sehr dankbar und wünsche Dir dasselbe, umsomehr als ich von Deinen aussergewöhnlichen Fähigkeiten überzeugt bin!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s